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Leseprobe


Seeluft

Unter prächtiger Nachmittagssonne, die Türen des Abteils weit geöffnet, sitzen sie nun schon seit Stunden. Das eintönige Rattern des Zuges macht müde. Lena schaut erst zur Mutter, dann zum Vater, der ihr gegenübersitzt und seine Zeitung liest.

"Sind wir bald da?", fragt sie den Vater, der das gar nicht hören will, denn er muss den spannenden Artikel zu Ende lesen, bevor sie Zinnowitz erreichen. Und für den Fall, dass er sich schwerhörig stellen will, was er schon gerne mal tut, wiederholt sie ihre Worte.

"Ja, gleich ist es so weit", bemerkt die Mutter. Sie weiß, dass sie die Frage ihrer vierzehnjährigen Tochter nicht einfach unbeantwortet lassen kann. Als sie vorhin am Speisewagen vorbeigekommen sei, habe es dort nach Spiegeleiern und Speck gerochen, schwärmt Lena. Schon möglich, erklärt die Mutter, doch sie hätten sich ihr Essen im Rucksack selbst mitgebracht. Lena spürt, dass ihr Gequassel die Eltern ermüdet, ist von nun an besser still, wischt sich einen eingebildeten Krümel von der Bluse und beginnt zu dösen. Dabei entgehen ihr zunächst eine weitläufige, wenn auch sehr flache Graslandschaft, dann ein paar Felder, auf denen dunkle, komisch anmutende Vögel mit langen Beinen stehen. Eigentlich ist diese Gegend hier eine perfekte Einstimmung auf das, was sie gleich erwartet, doch nach ein paar Minuten ist Lena schon eingenickt und in einen ebenso unruhigen wie kurzen Schlaf gefallen. Als sie vom lauten Schnaufen der Lokomotive wach wird, weiß sie, dass das Ostseebad Zinnowitz nicht mehr weit sein kann.

Es ist der erste heiße Tag im Sommer 1937. Der Wind ist träge, durchstreift kaum spürbar die Luft. Nicht nur die Menschen, auch die Tiere bereiten sich auf einen extrem heißen Tag vor. Wie eine Glocke liegt die Hitze über der Landschaft und eine sanfte Brise kräuselt das Meer, Wellen plätschern am fast menschenleeren Strand. Noch weht eine deutsche Flagge majestätisch an einem hohen Mast, der sich schon in naher Zukunft neigen und laut krachend in den Sand fallen wird.

Von der Sonne geblendet, sieht sie sich blinzelnd um, beobachtet, wie der Vater aufsteht und sich zu strecken beginnt. Lena kann spüren, wie die Lokomotive an Fahrt verliert, schließlich stehen bleibt, und da liegt er auch schon vor ihr: der nicht sehr große, gleichwohl umso schmuckere Bahnhof des Ostseebades Zinnowitz. Sofort fällt ihr die schöne Jugendstil- und Bäderarchitektur der Häuser auf, die etwas abseits liegen. Die Gebäude sind beeindruckend, doch es hat noch einen anderen Grund, dass sie ihr Interesse finden. In einem Buch hat sie Interessantes über die Jugendstilbewegung und die Zeitschrift "Die Jugend" gelesen, die der Bewegung ihren Namen gegeben hat.

Vom langen Fahren ermattet, bewegen sie sich unter wolkenlosem Himmel, erreichen eine kleine, freundliche Pension, die an einen hübsch angelegten Garten angrenzt, dessen bunte Blumenpracht von allen sofort bewundert wird. Zwei Männer in schwarzen Anzügen und mit ebensolchen Kappen, die sie sich weit ins Gesicht gezogen haben, bemühen sich um die Koffer, bringen die Gepäckstücke auf ein Dreibettzimmer. Die Mutter setzt sich in den Sessel, zieht sich sogleich die Schuhe aus. Nur Lena steht noch immer am Fenster, bewundert den Garten, denkt darüber nach, ob auch Gärten im Jugendstil angelegt werden können. Aus diesem Blickwinkel kann sie weit in die Ferne schauen, sieht das grau-blau glitzernde Meer, auch ein paar kleine weiße Ausflugsdampfer, die dort vor Anker liegen. Der Vater, groß, breitschultrig, lehnt sich lässig an die Schranktür und lächelt. Leute gehen an der offenen Zimmertür vorbei, und wem sein Lächeln gerade gilt, weiß sie zwar nicht, wünscht sich aber, dass es ihr gelten möge. Er ist nicht ihr leiblicher Vater, die Mutter hat sie mit in die Ehe gebracht. Seine ruhige, gelassene Art, die weniger auf eine dicke Brieftasche als auf innere Ausgeglichenheit und Zufriedenheit schließen lässt, gefällt ihr. Die Besonnenheit und Souveränität sind es, die sie so an ihm bewundert. Noch immer mit diesem Schmunzeln auf den Lippen geht er schnurstracks auf sie zu, nimmt sie in den Arm. So gut wie bei dieser Umarmung hat sie sich lange nicht gefühlt. Mit einem Gesichtsausdruck jugendlicher Versonnenheit vergisst sie sogar kurz das Atmen. Eine ganze Weile sieht sie ihn an, kann gar nicht anders, als ihrem Lächeln einen Blick voll Zärtlichkeit folgen zu lassen.

"Hast du für heute ein Programm?", fragt sie den Vater.

Der hebt nur den Kopf und das kleine Grübchen an seinem Kinn vergrößert sich zusehends, macht seinen Gesichtsausdruck noch interessanter als sonst.

"Heute machen wir nicht mehr viel", schallt es aus einer Nische des Zimmers. Es ist die Mutter. Und sie meint, noch hinzufügen zu müssen, dass sie morgen ganz früh zu einem Ausflug aufbrechen werden, hofft, nun alles, was für die Tochter von Interesse ist, gesagt zu haben. Die ist auch sofort still und bis zum Abendessen, das sie im Speisesaal der Pension einnehmen, sagt sie kein Wort mehr.

Am nächsten Morgen sitzen sie in einem großen hellen Frühstückszimmer mit Blick auf den Garten, auf Hecken und stark duftende Rosenbüsche, die in voller Blütenpracht stehen. Lena ist aufgekratzt, bricht grundlos in Gelächter aus, lässt die weiße Serviette zu Boden segeln, läuft puterrot an, als drohe sie zu ersticken.

"Was ist mit dir?"

Die Mutter klopft ihr ein paar Mal auf den Rücken, als wäre sie eine Stoffpuppe, aus der man den Staub herausklopfen müsste.

"Nichts, gar nichts, ich habe mich nur verschluckt, bin ein bisschen überdreht", krächzt Lena, und obwohl sie sich noch vor Minuten geschworen hat, von nun an nicht mehr so viel zu reden, hat sie diesen Vorsatz schnell vergessen und hört gar nicht mehr auf zu quasseln. Sie sei ganz schön überdreht, bemerkt der Vater, der augenzwinkernd von seiner Zeitung aufschaut. In diesem Moment genießt sie seinen Blick, will ihn festhalten, denn seine gute Laune könnte sich ja schnell ändern und dieses Glück kaputt machen. Plötzlich wird es laut im Speisesaal. Gäste beginnen, miteinander zu diskutieren. Worum es bei der Auseinandersetzung geht, ist schwer auszumachen. Einige raufen sich theatralisch die Haare, andere machen seltsam schnappende Mundbewegungen, ringen nach Luft, Lena kratzt sich nur versonnen am Kinn. Nach ein paar Minuten haben sich die Gemüter wieder beruhigt. Sie ist von den diskutierenden Gästen so beeindruckt, dass sie nur dasitzt, den Mund weit geöffnet, worauf die Mutter sie bittet, noch eine Scheibe Brot zu sich zu nehmen, denn sie hätten nur Halbpension gebucht und da gebe es erst heute Abend wieder etwas zu essen. Das Mädchen nickt, der Vater nickt auch, hat die Zeitung zur Seite gelegt, erzählt den beiden Frauen, welches Ausflugsprogramm er sich für heute ausgedacht habe. Die finden seine Vorschläge fabelhaft, ja grandios, wie Lena kurz einwirft, wollen sofort aufbrechen, denn mit dem Linienbus soll es dorthin gehen, wo vor tausend Jahren die Wikinger landeten. Der Vater hievt den Rucksack auf den Rücken, den die Mutter schon vor einer halben Stunde gepackt hat, und sie laufen zur Bushaltestelle, die nicht weit von der Pension entfernt liegt. Erregt geht er auf und ab, meint, der Bus müsse längst da sein. Das Gesicht nach oben gerichtet, blinzelt er in die Sonne und zeigt wieder dieses Schmunzeln um den Mund, das Lena so fasziniert. Augenblicklich verliert sie sich in Gedanken, spürt, dass er ihre Gefühle durcheinanderbringt.

Ein Wagen, der nicht sehr vertrauenerweckend aussieht, braust heran, und es kann endlich losgehen. Einmal eingestiegen, werden die Passagiere kräftig durchgeschüttelt, jedes noch so kleine Schlagloch spüren sie in allen Knochen. Vom Fahren teilnahmslos geworden, starrt der Vater aus dem Fenster, trommelt auf den Ledersitz des Omnibusses.

"Weißt du, wann wir aussteigen müssen?", fragt Lena mit zarter Stimme.

Der Vater nickt. In einschläfernd langsamer Fahrt geht es weiter durch die Felder und der Vater wie auch die Mutter beginnen zu dösen. Diese Gegend hier sei nicht sehr schön, gefalle ihr nicht, meint Lena und sendet damit nicht nur ein kurzes Beben in die eingetretene Stille, sondern erntet auch den empörten Blick der Eltern. Ihr ist klar, dass sie mitten im Fettnäpfchen gelandet ist.

"Kommt, wir müssen aussteigen", durchbricht eine Stimme die Beschaulichkeit, mit der der Bus vor sich hin tuckert.

Es ist die Stimme des Vaters, der langsam, beinahe auf Zehenspitzen zum Ausgang tänzelt und im Flüsterton den anderen Fahrgästen "auf Wiedersehen" sagt, ihnen zum Abschied sogar noch zuwinkt. Dann stehen sie auf einem Feld, inmitten von abgeernteten, gleichförmigen Ackerflächen, sind sich sicher, in der Eintönigkeit der Landschaft erst einmal die Orientierung verloren zu haben. Der Vater weist mit der Hand nach vorn und meint: "Hier geht es lang", versucht, den Frauen bestimmt, aber höflich den Weg zu weisen.

"Wo sind wir hier eigentlich?"

"In Peenemünde", beantwortet der Vater Lenas Frage, schreitet voran, Tochter und Mutter im Gänsemarsch hinterher. Ob dieses Peenemünde mit "h" geschrieben werde, will Lena wissen. Die Mutter schüttelt den Kopf, meint, so etwas wisse doch jedes Kind, dass man Peenemünde mit zwei "e" schreibe.

Die Vormittagssonne strahlt noch im flachen Winkel, hält die Farben blass. Ein asketisch wirkender Mann mit grauer Nickelbrille geht an ihnen vorbei, sagt "Guten Tag", dann ist es mit einem Schlag still. Und auch in den nächsten Stunden läuft die Konversation zwischen den drei einsamen Wanderern nicht eben fließend, sei es aus Müdigkeit oder gar wegen der Hitze, die über dem Land brütet. Irgendwo dort vorne, die Schwüle macht das Auge träge, sehen sie einen Zaun. Wenig später erspähen sie auch das Schild mit der Aufschrift "Militärisches Sperrgebiet, Lebensgefahr und Schusswaffengebrauch". Lena bemerkt, dass sie noch nie ein militärisches Sperrgebiet betreten habe, äußert den Wunsch, es erkunden zu wollen, denn bestimmt gebe es dort Geister. Die Eltern sind genervt, aber nicht von ihrem Gequassel, sondern von der jugendlichen Fantasie, die ihr an besonders heißen Tagen schon mal außer Kontrolle gerät. Der Vater winkt ab, meint "viel zu gefährlich", das meint auch die Mutter und Lena gibt klein bei. Plötzlich dreht er sich um, sagt, von irgendwoher komme das Geräusch eines Wagens. Die Mutter ist anderer Meinung, will weder etwas gesehen und schon gar nichts gehört haben, ist der festen Überzeugung, dass er sich das nur einbilde. Der Vater lässt sich nicht beirren und nach ein paar Minuten taucht auch ein LKW auf, bleibt ruckartig stehen und zwei Männer in Uniform springen heraus.

"Das ist militärisches Sperrgebiet, hier können Sie nicht einfach herumspazieren, überschreiten Sie ja nicht die Sperrlinie."

"Was verbirgt sich hinter diesen Zäunen?"

"Was soll sich schon dahinter verbergen?"

Der größere der beiden Uniformierten deutet auf das Warnschild und ohne die Frage des Vaters zu beantworten, öffnet er ein großes, mit grünen Planen bedecktes Tor.

"Frag doch nicht so viel, sei lieber still", hört sie die Mutter im Hintergrund raunen.

"Kann ich mal mit reinkommen?", fragt Lena den völlig verdutzten Mann in der schicken Uniform, der zunächst heftig schluckt, sie dann abschätzig von der Seite betrachtet.

"Wenn du die Sperrlinie überschreitest, muss ich von meiner Schusswaffe Gebrauch machen."

"Schusswaffe, oh Gott! Sie machen bestimmt Scherze", sagt Lena schon etwas kleinlauter.

"Eigentlich mache ich selten Scherze, das ist nicht meine Art", erwidert der Mann in Uniform in einem ebenso harten wie pflichtbewussten Ton. "Kommst du auch aus dem Osten?"

"Wieso aus dem Osten? Ich komme aus Frankfurt am Main, warum denken Sie denn, dass ich aus dem Osten komme?"

"Viele, die so fremdländisch aussehen wie du, kommen jetzt aus dem Osten."

"Aha", sagt Lena nur, schaut brüskiert, vielleicht auch ein bisschen hilfesuchend zur Mutter. Die stößt ihr die Hand in den Rücken und schiebt sie schnell weiter, will, dass das Mädchen endlich still ist, sich nicht noch um Kopf und Kragen redet. Sie solle sich künftig besser überlegen, was sie sage, und nicht so forsch auf fremde Menschen, schon gar nicht auf Uniformierte, zugehen, erklärt die Mutter streng.

"Wieso denn das?"

"Mit diesen Leuten ist nicht zu spaßen."

An sich wird der Vater selten wütend, diese Fähigkeit scheint ihm abzugehen, doch jetzt bekommt er vor Ärger einen hochroten Kopf. Lena kann sich gar nicht erinnern, ihn jemals so aufbrausend gesehen zu haben.

"Was waren das für Männer?" , fragt sie.

"Schutzstaffel", antwortet der Vater lapidar.

"Schutzstaffel", murmelt Lena nachdenklich vor sich hin, obwohl sie mit diesem Wort überhaupt nichts anfangen kann.

Als sie beim Abendessen in der Pension sind, setzt sich der Wirt, ein freundlicher älterer Herr mit grau melierten Haaren und auffallend wackliger Prothese, die er manchmal durch den Mund schaukelt, an ihren Tisch.

"Wissen Sie, dass es bei Peenemünde ein militärisches Sperrgebiet gibt?", fragt der Vater und schaut von seinem Essen auf, als würde er geradezu vor Neugierde platzen, endlich aufgeklärt zu werden.

"Geheimsache", stellt der Wirt flüsternd fest. "Die testen dort Raketen. Seit 1936 gibt es eine Heeresversuchsanstalt. Genaueres weiß keiner, zwischen Tatsachen und Gerüchten ist nur schwer zu unterscheiden."

"Manchmal sickert etwas durch, wenn neue Straßen gebaut, Schienen verlegt und Häfen angelegt werden, viele Spuren werden jedoch bewusst verwischt", erklärt seine Frau sehr leise, eine etwas mollige, grauhaarige Dame, die sich ebenfalls zu ihnen gesetzt hat.

Vor dem geöffneten Terrassenfenster erspäht Lena drei fremdländisch aussehende Männer mit blau-schwarzen Haaren und Augen, die wie Schlitze aussehen.

"Schau mal, was sind das für seltsame Leute?"

"Die Söhne Nippons."

"Wie bitte, wer ist das?"

"Japaner", raunt die Mutter, füllt mit der Behutsamkeit einer Hebamme und der Flinkheit einer Spitzenklöpplerin die kleine Thermoskanne mit kaltem, köstlich duftendem Tee.

"Die Gegend um das Fischerdorf Peenemünde ist schon immer einsam gewesen und eignet sich für solche geheimnisvollen Dinge. Selbst die Schweden haben das erkannt, als sie im Dreißigjährigen Krieg mit ihrem König dort gelandet sind, um sich mit den kaiserlichen Habsburgern zu zanken", weiß der Wirt zu berichten.

"Peenemünde ist nach dem Dreißigjährigen Krieg sogar einmal schwedisch gewesen", meint die Wirtin hinzufügen zu müssen.

Noch vierzehn Tage bleiben sie in der kleinen Pension in Zinnowitz, dann geht es zurück. Und wieder ist es eine lange und monotone Bahnfahrt. Die Lokomotive faucht und zischt, kommt an einem kleinen Bahnhof zum Stehen.

"Schau mal, die Männer dort drüben mit den Gewehren", ruft Lena und rüttelt die Mutter aus dem Schlaf.

"Schutzstaffel", antwortet die nur und ist sehr ungehalten.

"Haben die denn nichts Besseres zu tun, als am Bahnhof herumzustehen und den Zügen nachzuschauen?"

"Mensch, Lena, woher sollen wir denn das wissen?"

"Hätte ja sein können, ihr wisst ja sonst immer alles", entgegnet sie dem Vater. Wenig später fährt der Zug langsam an, nimmt wieder Fahrt auf und schnauft zunächst durch Felder und Wiesen, durchquert dann einen Tunnel. Mit ausgestreckten Beinen sitzt der Vater den beiden Frauen gegenüber und döst. Lena betrachtet das kleine Grübchen an seinem Kinn, wünscht sich, von ihm in den Arm genommen zu werden, ist plötzlich voller Leidenschaft, spürt zugleich den strengen Blick der Mutter, die sie von der Seite beobachtet. Auch sie hat dunkel gelockte Haare und Lena ist sich sicher, dass sie mit ihren braunen feurigen Augen ebenso fremdländisch aussieht wie sie selbst.

Beobachtung

Ein kalter Herbsttag im Jahr 1938. Es ist Mittag, kurz nach zwölf. Lena pfeift, erst leise, dann wird ihr Pfeifen lauter. Die Melodie, ein Ohrwurm, hat sie heute in der Schule aufgeschnappt. Alle pfeifen sie dort das Lied. Sogar die Lehrer pfeifen es, wenn auch leise und nur dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Erschrocken sieht sie sich um, hofft, dass ihr lautes Pfeifen von niemandem bemerkt wird. Ein Mann mit Bart, keinem Spitzbart, sondern einem altmodischen Zwirbelschnurrbart, kommt ihr auf der Straße entgegen. Als er das hübsche, dunkelhaarig gelockte Mädchen bemerkt, strafft sich seine Haltung und er versucht, den Bauch einzuziehen, was ihm bei seiner Leibesfülle schwer gelingt. Da er genau auf sie zusteuert, wird ihr sofort klar, dass sie mit diesem Mann, den sie überhaupt nicht kennt, wird reden müssen.

"Hast du eben etwas gesagt?"

Sie überwindet die erste Verdutztheit, taumelt aus den Gedanken.

"Nein, nichts, was soll ich gesagt haben? Gepfiffen habe ich. Kennen Sie das Lied nicht?"

Statt zu antworten, runzelt der Fremde nur die Stirn und in der Tat entwickelt sich ein kurzes Gespräch, wenn auch kein sehr anspruchsvolles. Hin und wieder beginnt sie sogar, bis zu den Haarspitzen zu erröten, dreht jedoch so geschickt den Kopf, dass er nicht sehen kann, wie sich ihre Gesichtsfarbe verändert. Eine Tomate wird nicht röter als ich, denkt sie, ärgert sich über ihre mangelnde Selbstsicherheit. Verwundert, gleichzeitig irritiert über das vollmundige Grinsen dieses Mannes, dessen schlechte Zähne ein allzu verschwenderisches Lächeln überhaupt nicht begünstigen, geht sie weiter.

In ihrem schwarzen, wie Samt glänzenden Mantel, der vielleicht ein wenig zu leicht für die Jahreszeit ist, beginnt sie zu frieren. Die breite Straße, die in der Mittagssonne liegt, kommt ihr wie ausgestorben vor, denn sonst fahren hier Busse, die sich durch den Verkehr hupen. Heute scheint alles wie leer gefegt. Einige Häuser tragen bereits weit sichtbare Narben des Verfalls, die dem Straßenzug etwas Trostloses verleihen. Sie biegt ab, sieht einen großen, mit einer Plane überzogenen Lastwagen vor einem Haus stehen, das etwas zurückgebaut ist. Schon öfter ist ihr dieses Gebäude aufgefallen, denn es wirkt großzügig und gepflegt, passt eigentlich nicht in diese verwahrloste Gegend, die ihre beste Zeit längst hinter sich gelassen hat. An der Vorderfront des Hauses rankt Efeu wie ein alles überdeckender grüner Vorhang an der Wand empor. Das Tor des Gartens steht weit offen, als hätte man vergessen, es zu schließen. Ein paar Vögel in den Bäumen zwitschern aufgeregt, fühlen sich durch irgendetwas gestört. Vor dem Gartenzaun sieht sie Holzverschläge, die frisch gestrichen sind, und entdeckt das Gesicht eines kleinen Jungen, der vor einer der hübsch herausgeputzten Hütten kauert. Sie schaut näher hin, betrachtet das blasse Gesicht des Kindes, seine Augen, die starr, wie zwanghaft, auf die Straße gerichtet sind. Regungslos steht der Junge da und es sieht aus, als würde er durch etwas hindurchschauen. Temperamentvoll reibt sie sich die Stirn, sieht wieder zu dem Jungen, der plötzlich verschwunden ist. Das Haus liegt vor ihr, zweistöckig, weiß, doch niemand ist zu sehen. Unheimlich! Sie geht ein paar Schritte zur Seite, behält das Gebäude immer im Blick. Kein Schild "Betreten verboten", keine angsteinflößenden Drahtzäune, stattdessen bemerkt sie die imposante braune Eingangstür, die von einem Metallgitter umrahmt wird. Der Krach eines zuschlagenden Fensters dringt ihr ans Ohr. Das muss der Wind gewesen sein, denkt sie, läuft ein paar Schritte, bleibt stehen, biegt in einen mit Kies bedeckten Weg ein. Zaghaft klopft sie an die braune Eingangstür, erst leise, dann lauter. Niemand öffnet, noch immer keine Spur von irgendwelchen Bewohnern. Der Rasen neben dem Kiesweg sieht aus, als hätte ihn vor Kurzem jemand niedergetrampelt. Sie klopft wieder. Nichts! Vielleicht hat sie auch nicht laut genug geklopft, versucht es mit der Faust, geht eine Treppenstufe hinab, bleibt stehen und murmelt "dann eben nicht".

In diesem Moment wird ihr mulmig und sie überlegt, was sie wohl sagen würde, wenn plötzlich die Tür aufginge und jemand vor ihr stünde. Dass sie einen blassen, verängstigten Jungen im Garten gesehen habe, um den sie sich Sorgen mache, wäre wohl eine etwas zu dünne Erklärung dafür, dass sie auf diesem Grundstück eingedrungen ist. Beeindruckt von dem großen prächtigen Gebäude beobachtet sie den daneben liegenden Garten, doch das Kind sieht sie nicht mehr. Gestern haben sie in der Schule darüber gesprochen, dass man helfen soll, wenn jemand in Not ist, und sie ist sich sicher, dass der Junge Hilfe braucht. Das Erlebnis mit dem Kind, das nicht älter als drei oder vier Jahre gewesen sein kann, beschäftigt sie noch lange. Sie wirft die Arme in die Luft, geht die Straße entlang, gefolgt von einem weißen Spitz, der ihr seit Minuten nachläuft.

"Ich kann dich nicht mitnehmen", ruft sie dem Tier zu, streicht ihm über den Kopf. Der versteht es, dreht sich um, läuft in eine andere Richtung, verschwindet in einer kleinen Bäckerei und wird dort liebevoll in Empfang genommen, als habe man schon auf ihn gewartet.

In Gedanken sieht sie wieder das Gesicht des Jungen, erinnert sich an den erstarrten, leeren Blick. Während sie sich umschaut, tippelt sie weiter, wäre beim Rückwärtsgehen beinahe gegen einen Laternenmast gelaufen, erreicht das Haus, in dem sie im ersten Stock wohnt. Keuchend betritt sie die kleine Küche, beginnt zu husten, was sich nach einer nicht auskurierten Erkältung anhört. Wenn sie nicht hustet, hört sie ihre Bronchien pfeifen. Nachdenklich schaut sie aus dem Fenster auf die Straße, zu den Häusern. Obwohl es erst Mittag und taghell ist, wirkt die Straße wie ausgestorben und zudem noch so düster, als müsse man erst das Sonnenlicht hineinpumpen. Beklemmend still ist es in diesem Moment, selbst die Häuser sehen müde aus, als müssten sie sich für ein paar Stunden ausruhen.